Forschungsprojekt Ost-Diskurse

 

 

Die diskursive Konstruktion der Ostdeutschen“ 

in westdeutschen und österreichischen Medien 

als Quelle für 

kollektive Alteritäts- und Identitäts-Diskurse

in den 1990er Jahren

 

Für die Autoren der Bundesrepublik und West-Berlins wie auch für ihr Publikum waren die DDR und die Ostdeutschen sowohl etwas Eigenes, nämlich Teil deutscher Kultur und Geschichte, und zugleich eine terra incognita, das Andere des Eigenen. Mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und dem raschen Abbau jener Restriktionen, die bis dahin die Arbeit der „West-Medien“ in der DDR eingeschränkt hatten, änderte sich die Situation schlagartig. Das andere Deutschland und seine Bewohner konnte nun unmittelbar erforscht werden. Somit waren die Medien der Bundesrepublik gewissermaßen über Nacht mit einem neuen Gegen­stand konfrontiert: Den Ostdeutschen, der ostdeutschen Teilkultur und ihrem krisenhaften Umbruchsprozess. Sie näherten sich diesem Gegenstand wie es Medien einer modernen Reflexionskultur immer tun. Das Fremde wurde vermessen, interpretiert und dabei dem Eigenen gegenübergestellt.

Dies ist der Beginn der „Ost-Diskurse“, der intensiven und umfassenden Darstellung der Ostdeutschen und Ostdeutschlands in den westdeutschen Medien. Die Bilder und Deutungen, die die Ost-Diksurse entwarfen, waren aus verständlichen Gründen zunächst recht stereotypisierend. Es gab zu dieser Zeit ohnehin wenig objektives Wissen über die Ostdeutschen und ihre Welt. Denn die Veröffentlichungen Sozialwissenschaften und der Statistik der DDR lieferten hierfür nur partiell einen Beitrag und außerdem fehlte in der DDR eine freie und differenzierte Medienlandschaft, die die Sichtweisen der verschiedenen DDR-Milieus und Generationen auf ihre Gesellschaft unzensiert veröffentlicht – und damit auch für Außenstehende, in diesem Falle die bundesdeutschen Beobachter, – ablesbar gemacht hätten.

Obwohl im Verlaufe der 1990er Jahre die Wissensdefizite zur ostdeutschen Kultur durch zeitgeschichte, kultur- und sozialwissenschaftliche Forschungen rasch beseitigt wurden, hatte dieser Zuwachs an neuen Erkenntnisses und differenzierteren Wertungen wenig Einfluss auf die stereotypisierenden Darstellungen der Ostdeutschen. Das kann als Indiz dafür genommen werden, dass das Bild, welches die westdeutsch orientierten Medien-Diskurse von den Ostdeutschen entwerfen, stark durch das Identitäts-Alteritäts-Verhältnis geprägt ist. Die Bilder vom Osten folgen als Alteritäts-Konstruktion den unterschiedlichen westdeutschen Identitäten. Das Bild vom ,Eigenen’ zeigt sich – oft auch in ungewohnt deutlicher Weise – in dem Bilde, das vom ,Anderen’ entworfen wird.

Diese „Ost-Diskurse“ sind bisweilen exemplarisch kommentiert, jedoch noch nicht systematisch erforscht worden. Das Forschungsprojekt „Ost-Diskurse“ analysiert einen Teil dieser Ost-Diskurse in systematischer Weise. Das Projekt rekonstruiert, welche Darstellungen vier überregional erscheinende deutsche Presseakteure zu den Ostdeutschen, ihrer Kultur und ihrer Vergangenheit in der DDR in den 90er Jahren entwickelten und welche Varianzbreite sich im synchronen und diachronen Vergleich zeigen. Gegenstand sind die Tageszeitungen Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die tageszeitung sowie das wöchentlich erscheinende Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Diese Darstellungen werden exemlarisch mit denen vergleichbarer österreichischer Printmedien abgeglichen.

Das Projekt geht davon aus, dass Diskurse nicht einfach nur eine auf einander bezogene Abfolge von Texten und Bildern sind, die ,Wirklichkeit widerspiegeln’, sondern dass Diskurse wirklichkeitskonstitutiv und wirkmächtig sind. Sie erzeugen eine bestimmte Wirklichkeit, in dem sie jeweils bestimmte Formen des Wahrnehmens, Deutens und Wertens befördern und andere Interpretationen marginalisieren. Diskurse bilden Ordnung nicht ab, sondern sie schaffen diese Ordnung erst. Diskurs-Analyse ist damit immer auch ein Nachvollzug dessen, wie bestimmte Formen des Wissens zu ,Wahrheiten’ wurden und andere Formen dem Vergessen anheim fallen. Mit der Analyse der Ost-Diskurse kann zum einen nachvollzogen werden, wie und von wem in den 1990er Jahren das gültige Wissen – die ,Wahrheit’ – über die Gruppe der Ostdeutschen konstruiert wurde und wie darüber hinaus die Chancen, Probleme und Verantwortlichkeiten bei der Vereinigung mit Ostdeutschland definiert wurden.

 

 

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Das Projekt wird aus den Mitteln des Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank finanziert und ist am 1. März 2005 an der Universität Wien installiert worden. Die Projektdauer beträgt 3 Jahre.

Projektleitung

o. Univ. Prof. Dr.

Wolfgang Schmale

      Institut für Geschichte 

der Universität Wien

Prof. Dr. phil. habil.

Rainer Gries

Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft 

der Universität Wien (bis 2007) 

 

seit 2008:

Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts 

Projektbearbeitung

 

Magª. Manuela Tesak (bis 2007)

 

Dr. phil. Thomas Ahbe

Literatur

Für die Zugriffsverwaltung empfehlen wir Eiswald